WIA DA HERR, SO’S GSCHERR (enhanced edition)

In meiner Heimatstadt lebten vor anderthalbtausend Jahren die Bajuwaren. Die direkten Vorgänger der Baiern waren selbst ein “Multikulti”-Volk, und ich gebrauche diesen Begriff anders: Die am weitesten entfernten Stämme, die ins jetzige Bayern kamen, kamen von der Ostsee. Kein Vergleich also zum mißglückten Menschenexperiment, Muslime (darunter radikale) mit größtenteils gemäßigten Christen in ein Geschirr zu zwängen.

Vor den Bajuwaren hatten dort die Boier gelebt, ein keltischer Stamm. Und natürlich die Römer, die auch hier Lager hatten.

Nun kann man den eigenen Vorfahren ja immer allerlei Mutiges andichten, aber in einem Punkt liege ich, glaube ich, nicht verkehrt: Die Männer waren oft auch Krieger, und ihr Mut und ihre Bereitschaft, für die eigene Familie und den Stamm einzustehen, war wahrscheinlich um einiges höher ausgeprägt als bei uns. Ich weine dieser Zeit natürlich nicht nach, aber als Selbstschutz-Trainer finde ich weniger Anspruchshaltung und einen Tacken mehr Härte gegenüber sich selbst grundsätzlich gut.

Bajuwarischer Krieger. Historisch korrekte Rekonstruktion. (c) hedningar.com

Und so rührt es mich umso mehr, wenn die Forscher etwa in einem Bajuwaren-Grab bei Ergolding (nur einige wenige Kilometer von meiner Heimatstadt entfernt) die Skelette zweier Krieger finden, die selbst im Jenseits Waffenbrüder und Freunde bleiben sollten. Es sind derlei Bezeugungen menschlicher Nähe und Heldentums, die mein einfach gestricktes Gemüt positiv erschüttern, und ich schäme mich bei solchen Gelegenheiten meiner Tränen nicht.

Glauben Sie, daß der Ort, an dem man geboren wurde und/oder lange gelebt hat, einen Einfluß auf unseren Glauben hat? Ich schon.

Archäologen gehen davon aus, daß die Religion meiner bajuwarischen Vorfahren eine Mischung aus arianischem Christentum, keltischen und eventuell germanischen Einflüssen war. Dazu gesellten sich noch orts- und kulturtypische Wesenheiten wie Wichte, Elben, Lichtelben, Wasserelben, Dunkelelben, Gespenster, Unholde und Riesen.

Was für eine großartige Mischung! Und, wie ich gerade erwähnte, bin ich davon überzeugt, daß die Umgebung, die uns innehat, unseren Glauben prägt. JETZT verstehe ich, warum ich einfach nie mit einem einzigen Glauben glücklich werden konnte, warum ich tatsächlich alles für Emanationen Gottes halte, warum ich stetig zwischen Nondualismus und Götterglauben hin- und herwechsle, nein, wechseln MUSS. Es ist das Erbe meiner Vorfahren. Es würde mich brennend interessieren, wie ihre Glaubenswelt ausgesehen hätte, wenn sie beispielsweise mit asiatischen Handelsreisenden in Kontakt gekommen wären.

Bajuwarin aus Straubing. Historisch korrekte Rekonstruktion. (c) hedningar.com

Es ist mein bajuwarisches Erbe, das selbstverständlich (wie alle Volksreligionen) Elemente aus der Magie, dem Christentum und anderen Religionen und Traditionen vereint.

Aber es gibt mehr zu beachten: Bekanntlich ist alles mit allem verwoben, nichts kann oder das andere existieren. Wenn ich mir jetzt meine Familie ansehe: Mutter in Bayern geboren, Vater in Böhmen. Großmutter mütterlicherseits in Hessen, Großvater mütterlicherseits in Hamburg (wo er an der Staatsoper Ballett tanzte, und ja, ich bin stolz drauf). Großmutter väterlicherseits wuchs in Böhmen auf, und der Großvater väterlicherseits in Bayern. Schon einen Schritt weiter zurück in unserem Stammbaum, und es wird interessant: Mindestens ein Familienmitglied auf meiner Mutter Seite war Seefahrer und ließ sich in China nieder (damals unterhielt Deutschland ja bereits so intensive Handelsbeziehungen mit den Chinesen, daß große Hafenstädte in China von deutschen Architekten geplant und auch gebaut wurden).

Mein Verwandtschaftsgefüge also: bunt gemischt, so wie damals die Bajuwaren. Von der böhmischen Seite her habe ich also was Keltisches mitbekommen, von den Hamburgern was Germanisches, und von den Bayern also das Bajuwarische. Hiermit ergibt sich für mich gewissermaßen fast schon zwangsweise genetisch der Drang nach Vielfalt, auch im religiösen oder spirituellen Sinne. Und deshalb ergibt es für mich voll und ganz Sinn, wenn der Oberste Herr Aller Universen eben Shiva ist, ich aber trotzdem Wotan und Donar und Freya und den Naturgeistern, die bei uns leben, höchsten Respekt zolle.

Und nichts könnte diesen Glauben, der seine Kraft aus der Kraft des Ortes und aus der Kraft aller derjenigen zieht, die ihn jemals praktizierten, besser zum Ausdruck bringen als das Wessobrunner Gebet aus dem 9. Jahrhundert:

Das erfuhr ich unter den Menschen als der Wunder größtes,
Dass Erde nicht war, noch Himmel oben,
Nicht Baum noch Berg nicht war,
Noch […] irgend etwas, noch die Sonne nicht schien,
Noch der Mond nicht leuchtete, noch das herrliche Meer.

Als da nicht war an Enden und Wenden,
Da war der eine allmächtige Gott, der Wesen gnädigstes,
Und da waren mit ihm auch viele herrliche Geister.
Und Gott, der heilige […]

Gott, Allmächtiger, der Du Himmel und Erde erschaffen hast und den Menschen so viele gute Gaben gegeben hast, gib mir in Deiner Gnade rechten Glauben und guten Willen, Weisheit und Klugheit und Kraft, dem Teufel zu widerstehen, und das Böse zu meiden und Deinen Willen zu verwirklichen.

Der Wikipedia-Eintrag bemerkt ganz richtig, daß der Aufbau des Gebets an die Struktur alter Zauberformeln erinnert. Als Leser dieses Blogs wissen Sie sicherlich warum.

Bajuware aus Straubing. Historisch korrekte Rekonstruktion. (c) hedningar.com

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